Intonation, Reiner Janke

Widor neu entdecken

Widoreinspielungen auf Originalinstrumenten und neobarock geprägten Orgeln gibt es etliche, und dennoch bleibt Widor gerade für deutsche Ohren oft unverständlich. Die vorliegenden Auszüge der Konzerte geben einen ersten Einblick, wie man Widor neu entdekken und verstehen kann, wenn Interpret und Instrument sich auf diese Musikepoche einlassen, sie neu interpretieren und dabei nicht die historischen Quellen vergessen.
Schon bei den ersten Planungen dieser Orgel stand auch die Musik Widors im Mittelpunkt. Es sollte ein Instrument entstehen, bei dem mit geschickt ausgewählten Registrierungen sowohl deutsche als auch französische Literatur der Romantik in ihrer typischen Art dargestellt werden kann. Weil Musik nur dann lebendig ist, wenn sie neu und aus der jeweiligen Zeit heraus interpretiert wird, sollte es keine Kopie des einen wie des anderen Stils sein.
So wie sich eine Sprache im Laufe von Generationen ändert, um verständlich zu bleiben, wird auch die Tonsprache abgewandelt. Wenn am Ende des 20. Jahrhunderts in einer deutschen Kirche die Musik Widors erklingt, muß seine Komposition den dortigen Hörgewohnheiten angepaßt werden, um genauso verständlich zu sein wie im Frankreich des 19. Jahrhunderts.
Christoph Maria Moosmann hat sich seit seinem Studium intensiv mit der Interpretation der Symphonien Widors auseinandergesetzt, und er nutzt in sehr eindrucksvoller Weise die symphonischen Fähigkeiten des Riedlinger Instrumentes. Dazu gehört das lückenlose Registercrescendo und die sehr sensible und leichtgängige mechanische Spieltraktur mit ihren Druckpunktminderern. Diese erlauben eine bislang unbekannte Kontrolle des Tones auch im vollen Werk. Die sonstige Starrheit einer Orgel scheint fast aufgelöst. Nicht zuletzt soll auch die warme und weiche aber dennoch klar und zeichnende Intonation zur Verständlichkeit der Musik beitragen.

Wegen des positiven Echos auf das sehr gut besuchte Konzertwochenende soll - obwohl eine Einspielung der Widorsymphonien 5 - 8 unter optimalen Bedingungen demnächst erfolgt - hier ein erster Eindruck von Interpret und Instrument gegeben werden.

Reiner Janke, Intonateur

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